Frank Silberbach Interview

Frank Silberbach is best-known for his series „Berlin 140°“ that is realized with a panoramic camera since 2004. On the occasion of his exhibitions in Galerie im Rathaus Tempelhof and Galerie Tempelhof Museum opening in Berlin this week, we met Frank to discuss his photographic approach and how he ended up making panorma photos of his hometown Berlin after travelling around the world for 15 years.

© Frank Silberbach

This interview is in German. You may use translate.google.com for a rough translation.

Straßenfotografie mit der Panoramakamera – wie kommt man auf so eine Idee?

Ich habe 1996 ein Projekt in einem Dorf in China gemacht. Da habe ich „normal“ mit einer Leica und einem 35er Objektiv gearbeitet. Ich war dort für zwei Monate und als ich vorübergehend zurückkam, dachte ich mir, ich mache einfach mal ein zusammengesetztes Panorama, um zuhause zu zeigen, wie diese Dorfstraße hier aussieht. Das kam auf einem einzelnen Bild einfach nicht so gut rüber.

So habe ich also ganz einfach und analog vier separat belichtete Bilder aneinander gesetzt. Da sah ich, dass z.B. ein Passant vom einen Bild ins andere gelaufen war. Er war also doppelt drauf. Dann dachte ich: nun, diese Zeit, die zwischen den einzelnen Bildern vergeht, die kann man ja bewusst nutzen: ich merke mir ungefähr die Anschnittstellen zwischen den Bildern und gucke, was in den einzelnen Segmenten passiert. Für jedes Segment habe ich dann auf einen Höhepunkt des Geschehens gewartet, quasi auf den entscheidenden Augenblick. Zusammengesetzt gab es dann plötzliche mehrere entscheidende Augenblicke auf einem Bild. Davon ausgehend wollte ich herausfinden, ob es das auch in der Wirklichkeit gibt. So bin ich zu meiner Schwinglinsenkamera gekommen. Bis jetzt ist es so, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, Straßenfotografie mit einer Kamera mit feststehender Optik zu machen.

© Frank Silberbach

Erste Panoramen: manuell zusammgesetzte Einzelbilder aus Mengwang, China

 

Mit deinen Panoramafotos hattest du über Jahre eine eigene Kolumne im Magazin der Berliner Zeitung. Wie kam es dazu?

Bei der Berliner Zeitung war Ende 2004 kurzfristig der Autor für eine Textkolumne ausgefallen und da hat mich ein befreundeter Bildredakteur angerufen und gefragt, ob ich mit meiner Panoramakamera Straßenfotografie für eine eigene Bildkolumne machen wolle. Das sollte zunächst für acht Wochen laufen, dann wurde es aber mehrmals verlängert bis es schließlich über vier Jahre wurden. Jede Woche ein Bild, das war ein gutes Training und manchmal ganz schön anstrengend.

© Frank Silberbach

Denn je länger die Sache lief, desto mehr hatte ich den Ehrgeiz entwickelt, dass das jetzt richtig gut werden muss. Am Anfang war es „nur“ ein Job, der mir zwar sehr nahe war, aber mit der Zeit habe ich es mir immer schwerer gemacht, indem ich die Meßlatte für mich deutlich höher gelegt habe. Gemessen am Honorar war der Aufwand meist ziemlich hoch, um jede Woche ein gutes Bild abzuliefern. Aber ich habe es geschafft, in all den Jahren nicht einen Ausfall zu liefern und manchmal hatte ich auch Zeiten, in denen ich drei oder vier Bilder im Vorlauf war.

© Frank Silberbach

Gab es inhaltliche oder formale Vorgaben für die Kolumne?

Die Proportionen des gedruckten Bilds waren noch extremer als die meiner Kamera: 4:1. Du musstest eigentlich immer einen Schritt zurücktreten, was du als Fotograf ja ungern machst. Bestimmte Bilder, wie zum Beispiel das vor der Oper (siehe Abbildung oben), das später entstanden ist, wären nicht gegangen. Zu nahm dran, da kann man nichts mehr abschneiden. Während der, der in der Friedrichstraße im Regen steht (siehe Abbildung unten) und die Arme ausbreitet, gut oben und unten beschnitten werden konnte. Manchmal war das eine ungeheure Zirkelei, das gerade noch so hinzukriegen, dass es zu beschneiden geht. Das sah nicht immer so schön aus und war eigentlich immer ein Kompromiss.

© Frank Silberbach

Inhaltlich aber gab es keine Einschränkungen. Es gab niemand, der gesagt hätte „Geh dahin“ oder „Mach das nicht“. Man kannte sich auch schon ziemlich lange. Wenn ich mit meinen Kontaktbögen ankam, hatte ich schon immer markiert, was ich ausgewählt hatte, manchmal auch ein, zwei Alternativen, da waren wir uns immer sehr schnell einig. Das war sehr schön, ich konnte wirklich machen was ich wollte.

Hat sich mal jemand bei der Zeitung gemeldet, der sich auf deinen Fotos erkannt hat?

Auf die Kolumne gab es eine sehr positive und breite Resonanz, aber die ganze Zeit hinweg hat sich nie jemand gemeldet, der sich erkannt hätte oder sich gar beschweren wollte. Und die Berliner Zeitung ist immerhin die größte Abonnement-Zeitung Berlins. Es war eher andersrum: wenn mich auf der Straße jemand gefragt hat, was ich denn da für eine Kamera habe, habe ich, um nicht so viel erklären zu müssen, immer gefragt, ob er/sie Berliner-Zeitungs-Leser ist. Da waren die Reaktionen dann immer sehr positiv – „Ach, Sie sind das!“, „Das schauen wir uns immer gerne an.“ Niemals hat mich jemand gefragt „Dürfen Sie das überhaupt?“.

© Frank Silberbach

Es herrscht ja bei manchen mittlerweile die Vorstellung, dass es so gut wie verboten sei, auf der Straße zu fotografieren und moralisch zumindest zweifelhaft. Das ist erstens falsch und zweitens dumm. Denn diese Ansicht übersieht, dass die, die mal nach uns kommen, sehen werden wollen wie es bei uns ausgesehen hat. So wie wir heute gerne die Bilder von Zille und Seidenstücker anschauen, um zu sehen, wie es damals ausgesehen hat. Die direkte Anschauung ginge verloren, wenn diese Art der Fotografie verboten wäre. Drauf kommen manche gar nicht, die so sehr auf ihr Recht am eigenen Bild beharren. Oder auf dem ihres Dackels.

Du arbeitetst seit 2004 an „Berlin 140°“ – es ist jetzt eine sehr umfangreiche Arbeit und da wurde sicher Unmengen an Material verbraucht…

Ja. Es gibt zwei Auswahlen: 213 wurden in der Berliner Zeitung gedruckt. Danach, seit 2009, habe ich im eigenen Auftrag weitergemacht. Die A-Auswahl, die in Ausstellungen gezeigt wird, sind knapp über 70. Dafür habe ich über 1000 Filme belichtet, 21 Bilder passen auf einen Film. Also 21.000 Bilder für die A-Auswahl von knapp über 70.

Das ist eine gute Anzahl für ein Buch. Gibt es dahingehend Pläne?

Nun, ich habe bisher schlicht und ergreifend keinen Verleger davon überzeugen können, das zu produzieren. Der Großteil der Fotobücher, die auch bei den großen Verlagen gemacht werden, werden ja zum Großteil aus Mittel von dritten finanziert oder von den Fotografen selbst. Die großen Verlage sind zunehmend Dienstleister und keine Verlage mehr. Sie bieten die Herstellung und den Vertrieb an, allerdings gegen Gebühr. 20.000 Euro ist eine gängige Größenordnung. Das bin ich nicht bereit zu zahlen.

© Frank Silberbach

Das ist auf der einen Seite ein bisschen traurig, auf der anderen Seite bin ich aber auch ganz zufrieden mit meiner Projektwebsite. Aus mehreren Gründen: zum einen erreiche ich ganz klar mehr Menschen als mit einem Buch. Ich habe dort die ganze Serie zusammen und kann sie auch um neue Arbeiten ergänzen, während ein Buch ja ein Endprodukt ist. Die Website ist prozessorientiert und dynamisch. Da ich an den Panoramen stetig weiterarbeite, ist das eigentlich die bessere Form der Präsentation. Und es ist auch nicht so, dass die Website ein vielleicht doch noch kommendes Buch überflüssig machen würde.

Es gibt eine Vortrag von dir mit dem Titel „Straßenfotografie in Berlin“, den du schon zweimal gehalten kannst und der am 12.6. in der Galerie Tempelhof wieder hältst. Wie kam es dazu?

Wir haben mal eine Einladungskarte zu einer Ausstellung gemacht und wollten noch eine zusätzliche Veranstaltung drauf schreiben. So wie man das heute so macht – ein Künstlergespräch, einen Rundgang oder so was. Schließlich wurde daraus ein „Vortrag“ – so stand es dann jedenfalls auf der Karte. Ich habe mir das erst etwas salopper vorgestellt, dann kamen aber immer wieder Menschen auf mich zu, die mich gezielt auf den kommenden Vortrag angesprochen haben. Dann dachte ich irgendwann, dass das vielleicht doch etwas substantieller werden sollte. Die Fotografen und das Thema waren mir natürlich gut vertraut, ich wollte mich aber nicht drauf verlassen, das so aus dem Stegreif zu machen. Jetzt erweist sich das als sehr positiv, da ich ihn immer wieder halten kann.

© Frank Silberbach

Die Geschichte der Straßenfotografie in Berlin wird in deinem Vortrag anhand von Heinrich Zille, Friedrich Seidenstücker, Fritz Eschen, Bernd Heyden und Frank Silberbach erzählt…

…ja, und das sind noch nicht mal die prominentesten. Es gab ja noch viel mehr – Arno Fischer, Sibylle Bergemann, Will McBride, Rudi Meisel, Harald Hauswald. Die Zahl derer, die in Berlin auf der Straße fotografiert haben, ist sehr groß… Ich habe einfach die ausgewählt, die mir ganz persönlich am nächsten sind. Ich mag zum Beispiel an Hyden, dass er so unheimlich unspektakulär und auch unspekulativ ist. Ich wollte nicht 150 Fotografien von 150 Fotografen zeigen, sondern lieber auf wenige genauer eingehen.

© Frank Silberbach

Es fällt auf, dass unter denen die du gerade aufgezählt hast, Harald Hauswald wahrscheinlich der jüngste ist, die meisten anderen sind schon tot. Gibt es auch Fotografen, die jünger sind als du, die du mit ähnlichem Interesse verfolgst?

Ich verfolge genauso auch jüngere Fotografen, ich war ja z.B. auch bei eurer Vernissage in Berlin. Dass die Fotografen im Vortrag alle schon älter sind, kann damit zusammenhängen, dass es von denen was gedrucktes gibt. Die kenne ich quasi aus dem FF, die begleiten mich schon eine sehr lange Zeit, da ich deren Bücher immer wieder anschaue und die sind immer noch frisch.

Gibt es neben der Berlin 140° Serie Arbeiten, die du ähnlich konsequent betreibst?

Im Moment nicht. Noch ein Projekt in dieser Größenordnung ginge auch gar nicht.

Ich habe kurz vor meiner Ausreise aus der DDR in den Achtzigern schon mal ein Straßenprojekt in Ost-Berlin gemacht. Über eine sehr lange Zeit, mindestens 15 Jahre, habe ich dann aber in Berlin überhaupt nicht fotografiert. Die Voraussetzung, überhaupt Lust zum Fotografieren zu bekommen, war, Berlin zu verlassen. Das war meine Reisezeit. Da war ich so ziemlich überall. Russland, China, Indien, Afrika, USA, Südamerika, Australien… Diese Bilder habe ich mal unter dem Titel „Wohin die Reise geht“ zusammengefasst und ausgestellt. Dann gab es das eingangs erwähnte Chinaprojekt, das ein Jahr lang dauerte und dann erst hatte ich wieder Spaß, in Berlin zu fotografieren. Das ist bis jetzt so geblieben und es gibt immer noch sehr viel zu entdecken. Ich bin sehr froh, dass sich das so gefügt hat, auch über die Ausschließlichkeit, nur das zu machen. Das ist organisatorisch, finanziell und logistisch natürlich auch wesentlich machbarer als vier Wochen Australien, von denen du dann mit einem Bild nach hause kommst, das wirklich gut ist.

© Frank Silberbach

Das klingt ein bisschen wie Nachhausekommen. Downsizen und unnötigen Schnickschnack hinter sich lassen….

Ja. Ich habe mit Erschrecken, aber auch mit Schmunzeln und Staunen, festgestellt, dass vor drei Jahren mein Reisepass abgelaufen ist. Ich hatte das tatsächlich vergessen und gar nicht nötig, den zu verlängern. Ich habe damals meine Reisezeit sehr genossen und ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe, aber es hat sich irgendwann erschöpft. Ich glaube auch, wenn das damals mit der wöchentlichen Berlin-Kolumne nicht gekommen wäre, wäre ich wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen, mich so intensiv mit Berlin einzulassen. Deshalb bin ich sehr froh, dass das so zu mir gelangt ist. Ja, und ich glaube schon, dass das nach den Lehr- und Wanderjahren ein bisschen was mit „Versöhnt-nach-hause-kommen“ zu tun hat.

Danke, Frank, für dieses Interview.

Das Gespräch führte Christian Reister.

Current exhibitions by Frank Silberbach:

Panoramic Photos from Berlin
Galerie im Rathaus Tempelhof
25 May to 20 July 2012

Panoramic Photos from Mengwang/China
Galerie Tempelhof Museum
27 May to 22 July 2012

Stories from the New Berlin
Fenster61
16 May to 12 June 2012

Links
Website Frank Silberbach
Interview auf Kwerfeldein

© Frank Silberbach

Tagged: , , ,


Both comments and pings are currently closed.

Blog Archive